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Informationen über die
Neuralen Muskelatrophien
erhalten Sie
Hier
von Dr. med. Carsten Schröter
Die spinalen
Muskelatrophien - Historischer Hintergrund
Der Begriff der „progressiven spinalen
Muskelatrophien“ stammt aus dem Jahr 1893 und wurde von dem Heidelberger
Neurologen Johann Hoffmann geprägt. Die bösärtigste Verlaufsform, die
infantilen progressiven spinale Muskelatrophien, wird benannt nach dem Grazer
Neurologen Guido Werdnig, der im Jahre 1981 zwei Jungen mit der Erkrankung
beschrieb sowie Johann Hoffmann. Die wesentlich gutartiger verlaufenden
juvenilen progressiven spinalen Muskelatrophien wiederum wird nach zwei
Stockholmer Neurologen benannt, Eric Kugelberg und L. Welander. Sie haben in den
1956 die Erkrankung gegenüber Muskeldystrophien abgegrenzt. William B. Kennedy
beschrieb die X-chromosomal rezessiv vererbte bulbospinale Muskelatrophie im
Jahre 1968.
Die spinalen Muskelatrophien - Vorkommen und
Häufigkeit
Wie die anderen neuromuskulären Erkrankungen
auch sind die spinalen Muskelatrophien relativ selten. Hinsichtlich der
häufigsten Form, der infantilen Form, ist eine Häufigkeit von 1 pro 25.000
Geburten zu verzeichnen, bezüglich der juvenilen Form eine Häufigkeit von 1 pro
75.000 Geburten.
Die spinalen Muskelatrophien - Symptomatik
Bei den spinalen Muskelatrophien handelt es
sich um eine Gruppe von Erkrankungen, die auf einem Untergang von motorischen
Nervenzellen (zweites motorisches Neuron, alpha-Motoneuron, Vorderhornzelle) im
Rückenmark beruhen. Zur genaueren Erklärung der Stelle der Schädigung und
Eingruppierung in die neuromuskulären Erkrankungen sei auf die Tabelle und das
Schema in unserem Artikel
Muskelkrankheiten verwiesen.
Durch die Funktionsstörung und Untergang der
Zellen des zweiten motorischen Neurons im Rückenmark kommt es zu einer
Verschmächtigung und Schwäche der Muskulatur. Beim Gesunden ziehen sich
Muskelfasern durch die Aktivierung durch Nervenfasern (Innervation) zusammen.
Dadurch wird der Muskel je nach der Zahl der beteiligten Muskelfasern kürzer, er
spannt sich an, eine Bewegung wird durchgeführt. Die Muskelfasern, die von den
erkrankten Nervenfasern nicht mehr richtig angesprochen bzw. aktiviert
(innerviert) werden, können sich nicht mehr zusammenziehen. So wie der gesamte
Muskel schmächtiger wird, wenn er nicht mehr eingesetzt wird, z.B. wenn ein Arm
nach einem Knochenbruch einige Wochen im Gips ruhiggestellt wird, werden auch
die einzelnen Muskelfasern schmächtig, wenn die sie aktivierenden Nervenfasern
nicht mehr funktionstüchtig sind. Ist eine größere Zahl von Muskelfasern
betroffen, sieht man auch die Verschmächtigung des Muskels. Da hier der Muskel
nicht primär erkrankt ist, sprechen wir von einer sogenannten Muskelatrophie
im Gegensatz zur Muskeldystrophie (s. auch unseren Artikel
Muskeldystrophie), wo der Muskel selbst erkrankt. Durch diesen
Krankheitsprozess nehmen Kraft und Ausdauer des Muskels ab. Parallel läuft ein
Reparaturmechanismus des Körpers ab. Die Muskelfasern, die nicht mehr durch eine
Nervenfaser versorgt werden, können durch einen Spross einer erhaltenen
Nervenfaser mitversorgt werden. Nahe an der entsprechenden Muskelfaser sprosst
die erhaltene Nervenfaser aus, bildet einen Abzweig, der mit der Muskelfaser
eine neue Verbindung (motorische Endplatte) bildet. Damit nimmt die Zahl der von
einer Nervenfaser versorgten (innervierten) Muskelfasern zu.
Bei der
infantilen Form der spinalen
Muskelatrophien (Werdnig, Hoffmann) werden eine akute und eine intermediäre
Form unterschieden. Die akute Form beginnt bereits vor der Geburt im Mutterleib.
Die Kinder zeigen bei Geburt einen verminderten Muskeltonus, d.h. eine
verminderte Muskelspannung. Die Spontanbewegungen sind vermindert. Die Kinder
lernen nicht, den Kopf frei zu halten oder frei zu sitzen. Der Tod tritt
innerhalb der ersten zwei bis drei Jahre ein aufgrund einer Atemschwäche.
Bei der intermediären Form setzt die Schwäche
in den ersten Lebensmonaten und -jahren ein. Die schon erlernten Fähigkeiten, zu
gehen und zu stehen, gehen wieder verloren. Verkrümmungen der Wirbelsäule und
Deformierungen des Brustkorbes treten auf. Ein Drittel der Kinder erleben den
zehnten Geburtstag, einige Patienten überleben auch das 20. Lebensjahr.
Die Erkrankung wird autosomal rezessiv vererbt.
Der betroffene Genort ist der lange Arm des Chromosoms 5 (5q11.2-13.3).
Auch bei der
juvenilen Form der progressiven
spinalen Muskelatrophie (Kugelberg, Welander) ist der gleiche Genort wie bei
den infantilen Formen betroffen. Die Erkrankung beginnt im Kindes- und
Jugendalter, meist mit Schwächen im Bereich der Beckengürtelmuskulatur.
Entsprechend fällt zuerst das schwerfällige Treppensteigen auf. Sie breitet sich
im Verlauf auf die übrige Muskulatur aus, bleibt aber auch an den Armen
rumpfnah, das heißt, der Schultergürtel ist zuerst betroffen. In Anbetracht des
Beginns der Schwächen im Bereich der rumpfnahen Muskulatur hatte man die
Erkrankung lange Zeit für eine Muskeldystrophie vom Gliedergürteltyp gehalten,
also für eine Erkrankung des Muskels selber. Gelegentlich kann auch eine
scheinbar besonders kräftige Wade zu sehen sein, allerdings weist sie nicht
vermehrt intakte Muskelfasern auf, sondern Fett und Bindegewebe. Man spricht
deshalb von einer Pseudohypertrophie. Auch die CK, ein Muskelenzym ist oft
erheblich erhöht, so dass die Annahme eine primären Muskelerkrankung nahe liegt.
Auch die elektromyographische Untersuchung (EMG) und sogar die Muskelbiopsie
können Hinweise auf eine primäre Muskelerkrankung geben. In der Regel sollten
die Zeichen einer neurogenen Erkrankung, also einer Erkrankung primär der Nerven
aber bei sowohl EMG wie auch Biopsie in die richtige Richtung weisen. Es gibt
aber kaum eine Erkrankung, die so oft zu kontroversen diagnostischen
Einschätzungen führt, wie die juvenile pseudomyopathische Muskelatrophie
(Kugelberg, Welander).
Neben der Schwäche treten auch Kontrakturen der
Gelenke und Fußdeformitäten (Hohlfuß, Spitzfuß) auf. Ein Teil der Patienten
benötigt im Verlauf einen Rollstuhl.
Weiter gibt es eine Reihe von
adulten Formen
der spinalen Muskelatrophien. Sie beginnen im Erwachsenenalter und sind nur
langsam fortschreitend. Beginnen sie mit einer Schwäche und Muskelatrophie an
der Handmuskulatur sprechen wir vom Typ Aran-Duchenne. Diese Begrifflichkeit
führt gelegentlich zur Verwechslung mit dem Typ Duchenne der Muskeldystrophie,
die beiden Erkrankungen haben aber nichts gemein.
Tritt zuerst eine Schwäche der Fußheber auf,
wird vom Peronäustyp der spinalen Muskelatrophien gesprochen, bei Beginn in der
Schulter-Muskulatur vom Typ Vulpian-Bernhardt.
Die X-chromosomal vererbte
bulbospinale
Muskelatrophie Kennedy entwickelt sich in der dritten bis fünften
Lebensdekade mit Schwächen der Muskulatur im Mundbereich und Schluckstörungen
sowie Schwächen der rumpfnahemnm Muskulatur. Bei den betroffenen Männern findet
sich auch oft eine vergrößerte Brust.
Unter einer
progressiven Bulbärparalyse
verstehen wir einen Krankheitsverlauf, der hauptsächlich die Sprech- und
Schluckmuskulatur betrifft. Die Muskeln der Arme und Beine sind ausgespart.
Charcot hatte diese Verlaufsform noch als separate Erkrankung beschrieben,
wenige Jahre nach ihm betrachtete der französische Neurologe Dejerine die
progressive Bulbärparalyse aber als eine Form der amyotrophischen
Lateralsklerose, da in der Regel im Verlauf Schwächen der Arm- und
Beinmuskulatur beobachtet wurden.
Oft wird auch von
Motoneuron-Erkrankungen
gesprochen. Dies beruht darauf, dass bei den spinalen Muskelatrophien das
zweite motorische Neuron (siehe auch unseren Artikel
Muskelkrankheiten) betroffen ist. Dieser Begriff wird besonders in den
angloamerikanischen Ländern gebraucht. Er ist aber ungenau, da er alle
Erkrankungen des ersten und zweiten motorischen Neurons umfasst. In der Regel
werden darunter die spinalen Muskelatrophien und die amyotrophe Lateralsklerose
(siehe auch unseren Artikel
Amyotrophe Lateralsklerose) zusammengefasst.
Die spinalen Muskelatrophien - Diagnosestellung
Die Diagnosestellung der spinalen
Muskelatrophien erfolgt unter Berücksichtigung der Anamnese (Schilderung der
Entwicklung der Funktionsstörungen sowie ähnlicher Veränderungen in der Familie
durch den Patienten), der ausführlichen körperlich-neurologischen Untersuchung
sowie apparativer Zusatzuntersuchungen. Hier sind besonders die Messung der
Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurographie, NLG) und der Muskelströme (Elektromyographie,
EMG) hervorzuheben. Zur Differentialdiagnose ist insbesondere die multifokale
motorische Neuropathie heranzuziehen. Hier finden sich in verschiedenen
Bereichen der Nerven Leitungsblöcke. Da diese Erkrankung einer spezifischen
Therapie zugänglich ist, ist es wichtig, diese Differentialdiagnose nicht zu
übersehen.
Zusatzuntersuchungen
· Nadelelektromyographie (EMG)
· Motorische Elektroneurographie
(NLG) einschließlich der Beurteilung der rumpfnahen Abschnitte
· Sensible Elektroneurographie
(NLG)
· Laborchemische Untersuchungen
·
Blutbild, BSG, Routine-Parameter
·
Kreatinkinase (CK)
·
Immunelektrophorese
·
Vitamin B12, Vitamin D
·
Schilddrüsenparameter
·
Parathormon
·
Nervenwasser-Untersuchung
· Röntgen-Aufnahme des Brustkorbs
Eventuell notwendige Zusatzuntersuchungen
· Röntgen-Aufnahmen der
Halswirbelsäule
· Schichtbilder
(Kernspin-Tomographie, MRT) von Gehirn und Halswirbelsäule
· Somatosensorische evozierte
Potentiale
· Transkranielle Magnetstimulation
· Laborchemische Untersuchungen:
·
Anti-Gangliosid-Antikörper
· Muskel- und/oder Nervenbiopsie
Therapie der spinalen Muskelatrophien
Muskelatrophien - Medikamente
Tierversuche ergaben Hinweise, dass
auch der Einsatz von
Kreatin
sich günstig auswirken könnte. Die Substanz
ist für den Energiestoffwechsel der Muskeln wichtig. Es wird schon lange
eingesetzt als Nahrungsergänzung von Sportlern, um damit die maximale
Leistungsfähigkeit des Muskel zu verlängern und die Erholungszeit nach
Anstrengung zu verkürzen. In der letzten Zeit konnte das Präparat auch bei
neuromuskulären Erkrankungen positive Effekte zeigen. Neben den Wirkungen auf
den Muskelstoffwechsel zeigt es zumindest tierexperimentell schützende Effekte
auf Nervenzellen. Ob diese auch für den Menschen relevant sind, können erst
weitere Untersuchungen zeigen. In Anbetracht des günstigen Nebenwirkungsprofils
kann Kreatin zusätzlich zu der übrigen Therapie eingesetzt werden.
Die Substanz ist mit reichlich
Flüssigkeit (mindestens 2 Liter), nicht jedoch Kaffee einzunehmen. Für 10 Tage
erfolgt bei Erwachsenen eine „Ladephase“ mit 10 g Kreatinmonohydrat/Tag,
verteilt auf 2 – 3 Tagesportionen, dann 4 g/Tag. Wegen der möglichen
Verminderung des Transporters für Kreatin in der Muskelzelle alle drei Monate
eine 2– bis 4wöchige Therapiepause empfohlen. Danach wird wiederum mit einer
Ladephase begonnen.
Spinale
Muskelatrophien: Rehabilitation
Ziele der Therapie und
insbesondere der
Rehabilitation bei Patienten mit neuromuskulären
Erkrankungen sind die Verbesserung und das Erhalten der Selbständigkeit in der
Beweglichkeit und Selbstversorgung sowie der Teilhabe am sozialen Leben. Die
Behandlung ist am besten durch ein interdisziplinär arbeitendes Team aus Ärzten,
Pflege, Krankengymnasten, Ergotherapeuten, Logopäden, Psychologen und
Sozialarbeitern.
Ambulante Therapien wie Krankengymnastik,
Ergotherapie und Logopädie sind notwendig zum Aufrechterhalten der vorhandenen
Fähigkeiten.
Stationäre
Behandlungsmaßnahmen (Rehabilitation) mit einer Dauer von ca. 4 - 6 Wochen sind
dringend zu empfehlen, um latent vorhandenen Fähigkeiten und muskuläre
Funktionen zu verbessern, den Verlauf günstig zu beeinflussen.
Die
Schwäche der Muskulatur
ist die wesentliche Ursache der meisten klinischen Probleme der spinalen
Muskelatrophie. Es gibt eine Reihe gut kontrollierter Studien, die die Effekte
von Übung und Training auf die Muskelstärke von Patienten mit neuromuskulären
Erkrankungen untersucht haben. Bei langsam fortschreitenden neuromuskulären
Erkrankungen brachte ein 12-wöchiges Training mit moderatem Widerstand in einer
Zunahme der Kraft um 4 bis 20% ohne negative Effekte. In der gleichen
Patientengruppe hatte ein Training mit kräftigem Widerstand über 12 Wochen keine
zusätzlichen Nutzen gezeigt, aber Hinweise auf eine Schwäche durch Überbelastung
bei einigen Patienten. Es gibt Hinweise, dass die Therapieverfahren für die
verschiedenen neuromuskulären Erkrankungen unterschiedlich effektiv sind, hier
müssen aber weitere Untersuchungen abgewartet werden, bis gesicherte Aussagen
gemacht werden können.
Bei rasch fortschreitenden
neuromuskulären Erkrankungen ist das Risiko einer verstärkten Schwäche durch zu
intensives Training groß. Training soll bei diesen Patienten mehr mit dem Ziel
der Funktionsbesserung, nicht primär mit dem Ziel der Kräftigung erfolgen.
Grundsätzlich sollten Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen angehalten
werden, nicht bis zur Erschöpfung zu trainieren. Die Patienten, die beübt
werden, sollten über die Warnzeichen einer Überbelastung informiert werden.
Hierzu gehören ein Schwächegefühl innerhalb von 30 Minuten nach der Übung oder
Muskelschmerzen 24 bis 48 Stunden nach dem Training. Andere Warnsignale
beinhalten ausgeprägte Muskelkrämpfe, Schweregefühl von Armen und Beinen und
anhaltende Kurzatmigkeit.
Dennoch ist aber durch Training mit leichter bis
mäßiger aerober Belastung wie Gehen, Schwimmen und Fahren auf dem Ergometer eine
Verbesserung der muskulären Ausdauer und der Leistungsfähigkeit des
Herz-Kreislauf-Systems
und damit eine Minderung der Schwäche zu erzielen. Das Training erreicht nicht
nur eine Besserung der körperlichen Leistungsfähigkeit, sondern trägt auch bei,
ein günstiges Körpergewicht zu halten,
Schmerzen
durch Fehlbelastungen zu mindern und depressive Verstimmungen zu bessern.
Bei einer Reihe neuromuskulärer
Erkrankungen sind
Kontrakturen, d.h. Einsteifungen der Gelenke und
Skoliose, also Verkrümmungen der Wirbelsäule, häufige Probleme. Die
Patienten müssen regelmäßig darauf untersucht werden. Besonders groß ist die
Gefahr bei Rollstuhlabhängigkeit und Abnahme der Kraft der Rumpfmuskulatur.
Vorsichtiges Dehnen der betroffenen oder gefährdeten Gelenke sind notwendig.
Im Einzelfall können Orthesen, also Apparate zur
Stabilisierung und Funktionsverbesserung von Gelenken bewirken. Beispielsweise
wird durch die Fußheber-Orthese, oft Peroneus-Schiene genannt, eine Verbesserung
des Gehens erreicht bei Patienten, die eine Schwäche der Fußheber aufweisen.
Krankengymnastik bei spinalen
Muskelatrophien
dient also dem
Erhalten der Kraft bzw.
Kräftigung, vor allem aber der Funktionsverbesserung und –erhaltung, der
Optimierung der Koordination. Die Verbesserung der Ausdauer ist ebenso ein
wichtiges Ziel wie das Dehnen verkürzter Muskulatur zur Verhinderung von
Kontrakturen.
Krankengymnastik strebt weiter die Verbesserung von Durchblutung und
Stoffwechsel an. Die Orthostase-Funktionen, also die Fähigkeit, den Kreislauf
beim Stehen aufrecht zu erhalten, Osteoporose und Fehlhaltungen zu
vermeiden, sind weitere Ziele der Krankengymnastik.
Auch bei
Störungen der
Lungenfunktion ist Krankengymnastik notwendig, einerseits zum Training der
entsprechenden Muskulatur, andererseits zum Erleichtern des Abhustens.
Ergotherapie bei spinalen
Muskelatrophien
hat ähnliche
Ansätze wie Krankengymnastik, entwickelt seinen Schwerpunkt aber im Bereich der
Arme und des Rumpfes. Eine Domäne der Ergotherapie ist die Versorgung mit
Hilfsmitteln, z.B. Greifzangen, Rollstuhl, Aufrichthilfen,
Toilettensitzerhöhungen. Ebenso stellt das Beüben alltagsrelevanter Aufgaben (ADL
= Activities of daily living) einen wichtigen Bereich dar.
Physikalische Therapie
umfasst
die verschiedenen Formen der Massagen, die Wärme- und Kälte-Therapie
(Thermotherapie), die Balneotherapie (Bädertherapie) und die Elektrotherapie.
Massagen
dienen der
Lockerung der verspannten Muskulatur, der Tonusverbesserung, der Verbesserung
der Durchblutung und Ernährung der Muskulatur (Trophikverbesserung) durch
Knetungen, Walkungen, Streichungen, Vibrationen und Bindegewebsmassage.
Die Thermotherapie (Wärme-
und Kälte-Therapie) bietet Möglichkeiten, ebenfalls zu einer Lockerung von
Muskeln beizutragen. Hierzu gehören Überwärmungsbad, Sauna, Packungen (Fango,
Moor) und Heiße Rolle. Bei umschriebenen Reizungen von Gelenken, beispielsweise
bedingt durch Fehlbelastungen kann die lokale Kryotherapie, also Kälte,
eingesetzt werden.
Elektrotherapie bei spinalen
Muskelatrophien
wird
vorwiegend zur Schmerztherapie und zur Stimulation von Muskelgruppen eingesetzt.
Durch nieder- und mittelfrequente Ströme werden Nerven und Muskeln stimuliert.
Der Einsatz von
Exponentialstrom als niederfrequentes Stromverfahren ist eine gezielte
Stimulation von Muskelfasen, die nicht mehr von Nerven versorgt werden,
sogenannte denervierte Muskelfasern, möglich. Intakte und von Nerven versorgte
Muskelfasern werden durch Schwellstrom stimuliert. Beide Stromarten können bei
neuromuskulären Erkrankungen sinnvoll sein, um Muskulatur anzusprechen,
eventuell die Durchblutung zu verbessern, dem Patienten das Bewegungsgefühl
wiederzugeben.
Bei der transkutanen
elektrischen Nervenstimulation (TENS)
handelt es sich um ein Verfahren zur Schmerztherapie. Dabei werden
Oberflächenelektroden auf die Haut geklebt. Hierüber wird ein angenehmer Strom
beigebracht, der eine Erregung der schnell leitenden sensiblen Nervenfasern
bedingt. Im Rückenmark wird durch den Einstrom dieser Impulse der Einstrom von
Impulsen der Schmerz leitenden langsameren Fasern gehemmt. Es wird quasi das Tor
für den Schmerz geschlossen. Die Impulse sollen angenehm sein, keinesfalls
schmerzhaft. Das Verfahren ist gut verträglich. Es soll aber nicht ständig
eingesetzt werden, sondern mehrfach am Tag für etwa 20 Minuten, bei Bedarf auch
etwas länger. Wird es kontinuierlich angewendet, ist die Gefahr einer
Toleranzentwicklung groß.
Auch die
Galvanisationen
ist eine Stromform zur Schmerzminderung. Es handelt sich um Gleichstrom, der
entweder durch Gelenke (als Quergalvanisation) oder durch den ganzen Körper (Stangerbad,
Vierzellenbad) geleitet wird. Er wirkt neben der Schmerzlinderung auch
durchblutungsverbessernd. Bei dem Stangerbad und dem Vierzellenbad kommt es
darauf an, wie die Polung erfolgt, also ob die Kathode oben und die Anode unten
am Körper (aufsteigend) oder umgekehrt (absteigend) angebracht sind. Es kann
entweder eine Erhöhung (aufsteigend) oder Verminderung (absteigend) des
Aktivitätsniveaus der Nervenzellen des Rückenmarks erfolgen. Will man eine
Verminderung der Aktivität von Nervenzellen beispielsweise bei einer spastischen
Tonuserhöhung erreichen, so wird absteigend geschaltet. Will man bei einer
schlaffen Lähmung, also zum Beispiel bei einer spinalen Muskelatrophie, eine
Erhöhung der Spannung der Muskulatur erreichen, so wird aufsteigend geschaltet.
Interferenzstrom
ist ein Mittelfrequenzverfahren, welches einen massageähnlichen Effekt hat und
damit die Muskulatur lockern kann.
Kurzwelle (Diathermie)
ist ein Hochfrequenzverfahren, welches eine Wärmebildung in der Tiefe und damit
ebenfalls einen entspannenden und lockernden Effekt auf die Muskulatur erreicht.
Ultraschall-Therapie
führt ebenfalls zu einer Wärmebildung im Gewebe, sie verbessert Durchblutung und
Stoffwechselvorgänge.
Spinale
Muskelatrophien:
Logopädie
Störungen der Sprache und des Sprechens sowie
des Schluckens stellen das zentrale Arbeitsgebiet der Logopädie dar. Bei
neuromuskulären Erkrankungen kommen Sprechstörungen vor, die sogenannten
Dysarthrie. Sie ist bedingt durch Schwächen der für das Sprechen benötigten
Muskulatur. Auch wenn die Sprechstörung durch neuromuskuläre Erkrankungen
bedingt ist, beispielsweise bei der amyotrophischen Lateralsklerose, ist eine
Verbesserung des Sprechens durch ein gezieltes Training möglich. Ist keine
ausreichende Besserung möglich, die Kommunikation nicht möglich, können
Kommunikationsgeräte ausprobiert werden.
Auch die Therapie der Schluckstörungen fällt in
den Aufgabenbereich der Logopädie. Störungen des Schluckens kommen besonders bei
der
amyotrophischen Lateralsklerose und seltenen
Formen der spinalen Muskelatrophien vor. Erste Hinweise können sich aus
Veränderungen der Stimme, wie Heiserkeit, und vermehrtem Verschlucken ergeben.
Genauere Beurteilungen können durch Laryngoskopie (Spiegelung des Kehlkopfs)
oder bestimmte Röntgen-Untersuchungen erfolgen. Therapeutische Hilfestellungen
und ein adäquates Training können Logopäden geben. Das Andicken von
Flüssigkeiten und Bereiten leicht zu schluckender Speisen sind wichtige Hilfen.
Die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke (DGM,
www.dgm.org) hat ein Buch erarbeitet, in dem die Zubereitung entsprechender
Speisen beschrieben ist. Bei der funktionellen Schlucktherapie wird eine
Besserung oder Kompensation gestörter Funktionen angestrebt. Die Restitution
wird durch den Einsatz stimulierender und hemmender Verfahren mit Dehnungen,
leichter manueller Berührung, Druck, Tapping, Pinseln und anderen Reizen
erreicht. Basis können auch hier die Behandlungsmethoden auf
neurophysiologischer Grundlage wie die Bobath-Methode sein. Die
kompensatorischen Verfahren beziehen diätetische Maßnahmen, kontrollierte
Platzierung der Nahrung im Mund, Änderung der Kopf- und Körperposition und
besondere Schlucktechniken ein. Hervorzuheben sind besonders das
Mendelsohn-Manöver und das sogenannte supraglottische Schlucken.
Ist das Schlucken nicht mehr oder nicht mehr
ausreichend möglich, kann eine sogenannte perkutane endoskopische Gastrostomie
(PEG) notwendig werden. Hier wird mittels einer Magenspiegelung eine dünne Sonde
durch die Bauchdecke in den Magen bzw. den Dünndarm gelegt. Dies
Verfahren ist wenig belastend und wird von den Betroffenen gut toleriert. Auch
ist insbesondere bei Personen, die hauptsächlich wegen der gestörten Zufuhr von
Flüssigkeit die PEG erhalten haben, die Einnahme von Nahrung über den Mund
weiterhin ergänzend möglich, auch um die Freude am Geschmack nicht zu verlieren.
Spinale
Muskelatrophien:
Störungen der Lungenfunktion
Schwächen der Brustwandmuskulatur, des
Zwerchfells und der Bauchmuskulatur können zu Störungen der Lungenfunktion
führen. Die verschiedenen neuromuskulären Erkrankungen führen in
unterschiedlichem Ausmaß zu diesen Beeinträchtigen, je nachdem, welche
Muskelgruppen durch die Erkrankung vorzugsweise betroffen sind. Bei
Erkrankungen, die die Atemmuskulatur im Verlauf regelmäßig mit betreffen,
sollten routinemäßig Lungenfunktionsuntersuchungen erfolgen. Auch sollten
Patienten darüber informiert sein, welche Zeichen auf eine nächtliche Störung
der Atmung hinweisen. Vor allem regelmäßiger morgendlicher Kopfschmerz, Unruhe
oder Albträume in der Nacht, das Gefühl, morgens wie gerädert aufzuwachen, ein
nicht erholsamer Schlaf müssen an diese Problematik denken lassen. Auch eine
vermehrte Tagesmüdigkeit kann sich hieraus ergeben. In den letzten Jahren wurden
gute Fortschritte in der Möglichkeit der oft nur nachts notwendigen Heimbeatmung
gemacht. Die Geräte sind heute klein, leise, wenig belastend.
Spinale
Muskelatrophien:
Psychologie
Oft werden bei Patienten mit neuromuskulären
Erkrankungen depressive Störungen beobachtet. Ursache ist oft die Verarbeitung
der Erkrankung, oft sind es aber auch Probleme der sozialen Integration und des
Erhalts des Arbeitsplatzes. Selbsthilfegruppen können hier ganz wichtige
Hilfestellungen geben, die Teilnahme an Selbsthilfegruppen ist den Patienten
sehr zu empfehlen. In Deutschland ist die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke
(DGM,
www.dgm.org) in vielen Regionen sehr aktiv. Mitglieder der Gruppen stellen
auch Hilfestellungen dar beim Lösen sozialer Probleme oder bei der Beratung
bzgl. Hilfsmitteln.
Die Krankheitsverarbeitung spielt
bei allen Erkrankungen eine wichtige Rolle. Insbesondere bei chronisch
fortschreitenden Erkrankungen ist es oft schwierig, eine konstruktive
Einstellung zum Umgang mit der Erkrankung zu finden. Aber nur mit einer
konstruktiven Einstellung kann der Patient optimal mithelfen bei der Behandlung.
Gesprächsgruppen oder psychologische Einzelbehandlungen, z.B. im Rahmen einer
stationären Rehabilitation, können hier sinnvoll sein.
Ergänzend kommen
Entspannungsverfahren wie das autogene Training oder die progressive
Muskelrelaxation nach Jacobson zum Einsatz.
Aber auch bei die Partner der Erkrankten dürfen
hier nicht vergessen werden. Auch sie können unter Störungen der Verarbeitung
der Erkrankung des Partners leiden oder bei der Notwendigkeit der Pflege
belastet sein.
Spinale
Muskelatrophien:
Orthopädische
Maßnahmen
Bei Verkrümmungen der Wirbelsäule (Skoliose) und
bestimmten Gelenkveränderungen können operative Maßnahmen sinnvoll sein. Dagegen
kann die Behandlung von (schmerzhaften) Gelenkveränderungen oder Fehlstellung,
beispielsweise durch Orthesen die Bewegungsfähigkeit verbessern.
Spinale
Muskelatrophien:
Hilfsmittel
Eine Reihe von Hilfsmittel können die
Bewältigung der Beeinträchtigungen durch die Krankheit erleichtern oder erst
ermöglichen. Hierzu können gehören Duschstuhl, Badewannen-Lifter,
Toilettensitzerhöhungen, Rollstuhl, Rampen für den Rollstuhl, Krankenbett, aber
auch kleine Hilfen wir Greifzangen. Hier muss ganz individuell herausgesucht und
zusammengestellt werden, welche Hilfsmittel für den einzelnen sinnvoll und
notwendig sind.
Spinale
Muskelatrophien:
Andere Therapieoptionen
Das Verständnis für die molekulare Basis vieler
neuromuskulärer Erkrankungen hat die diagnostische Genauigkeit erhöht und mag
die Basis für gezielte therapeutische Maßnahmen bringen. Es gibt
vielversprechende Ideen, das Erbgut, die DNA (Desoxyribonukleinsäure), zu
„reparieren“, beispielsweise ein fehlendes Gen einzufügen. Vielleicht kann damit
eines Tages das Fortschreiten einer Erkrankung aufgehoben oder sogar eine
Erkrankung geheilt werden.
Spinale
Muskelatrophien:
Sozialmedizinische Aspekte
Hierbei können verschiedene Aspekte
zur Sprache kommen. Gilt es zum Beispiel den Arbeitsplatz zu retten, kann das
Beantragen einer der Behinderung angepassten Arbeitsplatzeinrichtung wie evtl.
auch die Vereinbarung zusätzlicher Pausen wichtige Unterstützung bringen. Die
Sozialarbeiter können bei diesen Problemen beraten und unterstützen. Sie wissen,
welche Kostenträger hierfür anzufragen sind. Auch die Beratung mit der Frage der
(Teil-) Berentung kann wichtige Hilfestellungen geben. Bei schwerer betroffenen
Personen müssen die Leistungen nach dem Pflegegesetz oder dem
Schwerbehindertengesetz bekannt sein. Auch hier muss man wissen, an wen man sich
als Betroffener wenden muss.
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Sport und Bewegung bei
neuromuskulären Erkrankungen
und
Hilfsmittel für
Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen
Die
Ausführungen wurden nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft erstellt.
Sollten Ihnen Fehler oder Unklarheiten auffallen, bitten wir sie um
Mitteilung. Auch Anregungen werden gerne aufgenommen. Regelmäßige Überarbeitungen
und Ergänzungen sind vorgesehen.
Mit
den besten Wünschen, insbesondere für Ihre Gesundheit
Dr. med. Carsten Schröter
Chefarzt
der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meissner
Arzt für Neurologie
Physikalische Medizin, Rehabilitationswesen
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Amyotrophe Lateralsklerose bis zur
Therapie der spastischen Spinalparalyse
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Aktualisiert:
Juni 2010
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